Zwischen Statement und Inspiration /  99 Jahre Bauhaus
7. April - 12. Mai 2018

Zwischen Statement und Inspiration / 99 Jahre Bauhaus

99 Jahre Bauhaus - Möbel und Gebrauchsgüter - Aspekte der Kulturgeschichte

"... verlangen wir einfach das scheinbar Unmögliche, so bin ich überzeugt, daß es gelingt." Walter Gropius, 1919 /1

Ende März 1919 gab die Regierung von Sachsen Weimar ihre Zustimmung, aus der Zusammenlegung der Hochschulen für Kunst und Kunstgewerbe wurde das Staatliche Bauhaus in Weimar. „Künstler und Handwerker sollten gemeinsam den Bau der Zukunft errichten“ /2 und „ein Meister der Form und ein Meister des Handwerks sollten gemeinsam die Schüler ausbilden“ /3 Mit diesen Ideen trat Walter Gropius die Leitung des Staatlichen Bauhauses an, in seinem Manifest erklärte er die Ziele für den „Bau der Zukunft“. /4
Die Leiter der ersten Werkstätten waren Gerhard Marcks, Lyonel Feininger und Johannes Itten. Letzterem kam mit der Entwicklung des sogenannten ‚Vorkurses’ eine ganz besondere Bedeutung zu, denn so fand Itten, „es war schwierig sich über Begabung und Charakter ein Urteil zu bilden.“ /5 Und so schlug er Walter Gropius vor, „alle Schüler, die ein künstlerisches Interesse zeigten, für ein Semester provisorisch aufzunehmen. Dieses provisorische Semester nannten wir Vorkurs.“ /6

"... die atmosphäre des bauhauses ist nicht mit wenigen worten zu beschreiben ... vor allem scheint sie mir durch einen außerordentlich starken freiheitsdrang bestimmt zu sein ... einen freiheitsdrang, bei dem es im allgemeinen nicht um die freiheit >wovon<, sondern >wozu> geht." Hanns Riedel, 1929 /7

Das Staatliche Bauhaus weckte das Interesse einer ganzen Generation von Künstlern und Studenten. Auch Theo van Doesburg, der Mitbegründer von De Stijl, kam im April 1921 nach Weimar, „da er hier auf eine Anstellung als Lehrer hoffte. /8 Da sich seine Hoffnung nicht erfüllte, initiierte er einen eigenen De Stijl-Kursus in Weimar und berichtete bald vom Erfolg. „Schon 25 Teilnehmer, meistens Bauhäusler.“ /9 An Marcel Breuers Holz-Lattenstuhl von 1923 tritt der zunehmende Einfluss van Doesburgs in ganzer Deutlichkeit hervor, die klaren konstruktiven Formen und in Folge auch eine im Sinne Doesburgs und Mondrians, „allgemeingültige, überindividuelle Farbpalette.“ /10
1922 forderte auch Gropius, das „Bauhaus müsse typische... Formen schaffen.“ Nicht „Kunst und Handwerk“ sondern „Kunst und Technik“ lautete die neue Devise. /11 „Das Bauhaus setzt(e) sich damit ein Arbeitsgebiet zum Ziel: zeitgemäße,industriegerechte Formgestaltung.“ /12

Die neue Ausrichtung ließen auch kritische Stimmen laut werden. Gerhard Marcks, Leiter der keramischen Werkstatt, sah das Bauhaus als Bildungsstätte gefährdet. „Der (praktische) Betrieb darf niemals das Ziel sein. Sonst wird das Bauhaus die 101ste Fabrik der 100 schon bestehenden.“ /13 Doch Theodor Bogler und Otto Lindig, damals noch ‚Gesellen’, folgten dem neuen Weg und so wurden 1923 auf den Messen in Leipzig und Frankfurt erste Bauhaus-Töpferwaren präsentiert. Die Leitung der Metallwerkstatt legte Johannes Itten „...aus Protest gegen die von Gropius durchgesetzte Auftragsarbeit“ /14 Ende 1922 nieder. Zu dieser Zeit war hier Christian Dell Werkmeister und mit der Übernahme von Moholy-Nagy hielten neuen Materialien und Themen Einzug in die Werkstatt. Eines der prominentesten Objekte dieser Zeit ist die Bauhaus-Leuchte, die heute als Wagenfeld–Tischleuchte von der Firma tecnolumen in Lizenz hergestellt wird. Auch Christian Dell, der 1926 an die Metallwerkstatt der Frankfurter Kunstschule wechselte, entwarf Leuchten für verschiedene Hersteller. Am bekanntesten sind die Modelle Kaiser idell, die er Mitte der 1930er Jahre entwarf und die nach 1945 erfolgreich weiter produziert wurden.

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Mit dem Standortwechsel von Weimar nach Dessau wurde „die Zahl der Werkstätten am Bauhaus ... auf sechs reduziert: Tischlerei, Metall, Wandmalerei, Textil, Buch- und Kunstdruck, plastische Werkstatt... /15 Gropius Ziel war es auch, „das Bauhaus in ein wirtschaftlich erfolgreichen Produktionsbetrieb umzuwandeln. “ /16
Als alleinverantwortlicher Jungmeister übernahm Marcel Breuer die Tischlerei. In dieser Zeit entstanden zahlreiche Entwürfe für Stahlrohrmöbel, die Breuer in seiner zusammen mit dem Architekten Kalman Lengyel gegründeten Firma Standard Möbel produzieren ließ. „Wenig später kündigte er die Jungmeisterstelle am Bauhaus und löste am 30. Juni 1928 seine Firma Standard-Möbel auf; die Rechte an den Möbelentwürfen übernahm die Firma Thonet.“ /17 Die mit Ende der zwanziger Jahre zunehmende Politisierung ging am Bauhaus nicht vorüber und wurde für seine weitere Existenz entscheidend. Eine steigende Zahl von Nationalsozialisten forderten die Auflösung des Bauhauses, dessen Leitung Ludwig Mies van der Rohe seit 1930 inne hatte.

Nach der Schließung 1933 setzte Mies sich für eine private Weiterführung ein, doch „durch die Schließung waren zudem Schulgelder ausgeblieben und die Lizenzeinahmen stagnierten. Die Firma Kandem hatte den Vertrag mit dem Bauhaus schon zum Jahresende gekündigt. Der lukrative Vertrag mit der Tapetenfirma Rasch wurde am 27. April aufgelöst. ( ) Am 19. Juli ( ) versammelten sich die Meister im Atelier von Lilly Reich. Mies berichtete über die finanzielle und politische Situation und stellte dann den Antrag, das Bauhaus aufzulösen. Alle Anwesenden stimmten zu.“ /18

"... die Produkte des Bauhauses sind eigentlich nicht das Entscheidende, sondern die Richtung mit der wir eine Methode vorwärts getrieben haben, das Bauhaus ist eine Idee der Methode, die ebenso lebendig heute angewendet werden kann wie vor 30 Jahren." Walter Gropius, 1959 /19

In Deutschland offenbarte sich diese Lebendigkeit in der Gründung der Hochschule für Gestaltung in Ulm. „Auf Initiative von Otl Aicher und Inge Scholl ( ) wird 1953 die Hochschule ( ) gegründet.“ /20 Ihr erster Direktor war Max Bill, auch die Bauhäusler Josef Albers, Johannes Itten und Walter Peterhans lehrten zeitweise an der Ulmer Schule. Max Bill wandte sich „dem Industriedesign zu. Die von seinem Lehrer Van Doesburg übernommene Klarheit der Entwürfe zeigt sich im minimalistisch geprägten Ulmer Hocker von 1954 ( )./21 Bill setzte sich an der Hochschule „für einen geometrischen Formalismus ein, weil er der Meinung war, dass Produkte, deren Entwurf auf mathematischen Gesetzen basieren, sich durch stärkere Klarheit und Universalität auszeichnen. Diese Orientierung wurde in Ulm von Hans Gugelot fortgesetzt, der besonderen Einfluss auf Dieter Rams ausübte. " /22

Mit zunehmendem Zeitabstand zu den Entwürfen des Bauhauses aber auch eines Designs von Gugelot und Rams, stellt sich die Frage der Originalität. „An welchem Punkt hört ein „Original-Design“ ( ) auf, das Original zu sein, wenn an ihm eine Reihe von Anpassungen, Optimierungen oder „Verbesserungen“ vorgenommen wurden?“ /23

99 Jahre Bauhaus ... Galerie formformsuche ... 7. April – 12. Mai 2018

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/1 Bauhaus, Boris Friedewald, München 2016, S. 9
/2 bauhaus 1919-1933, magdalena droste, köln 1990, S.17
/3 ebenda, S. 22
/4 ebenda, S. 17
/5 Johannes Itten, Gestaltungs- und Formenlehre, Ravensburg 1975, S. 6
/6 ebenda, S. 7
/7 Bauhaus, Boris Friedewald, München 2016, S. 79
/8 bauhaus 1919-1933, magdalena droste, köln 1990, S. 54
/9 ebenda, S. 56
/10 ebenda, S. 58
/11 ebenda
/12 ebenda, S. 60
/13 ebenda, S. 70
/14 ebenda, S. 75
/15 ebenda, S.136
/16 ebenda
/17 https://de.wikipedia.org/wiki/Marcel_Breuer, Stand 11.02.2018
/18 bauhaus 1919-1933, magdalena droste, köln 1990, S. 236
/19 Bauhaus, Boris Friedewald, München 2016, S. 113
/20 ebenda, S. 115
/21 Minimalistisches Design, Franco Bertoni, Basel 2004, S.66
/22 ebenda, S. 68
/23 https://www.architonic.com/de/story/simon-keane-cowell-gleich-und-doch-anders-designklassiker-und-deren-anpassung-an-die-gegenwart/7000709
Stand 11.02.018

Weiterführende Links
Text von Bernd Hüttner zur Ausstellung: Gerhard Marcks und 99 Jahre Bauhaus
Bauhaus Kooperation Berlin Dessau Weimar 100 jahre bauhaus