Kocheisen + Hullmann/  Vereinte Individualisten
02. - 30. September 2023

Kocheisen + Hullmann/ Vereinte Individualisten

Kocheisen + Hullmann

Vereinte Individualisten

In der aktuellen Ausstellung treffen wir auf Bilder, Maquetten von Skulpturen und einer zielorientierten handwerklichen Maßnahme, kurz Zo.h.M genannt. Hierzu wählten die beiden Künstler Kocheisen + Hullmann eine Skulptur mit dem Titel: „Der Nachteil des Vorbilds“ aus ihrer Serie der „Zwischenblüte ambitionierter Metamorphosen“ und übergaben diese mit der Vorgabe „72 cm Arbeitshöhe“ in die handwerkliche Maßnahme der Schreinerei Frank Weingarten. Waren die Skulpturen der „Zwischenblüte“ im künstlerischen Sinne eine Arbeit der „Reflexion über Paare“ eröffneten sie doch weitere Aspekte, dabei rückte die Idee des Möbelentwurfs zunehmend in den Vordergrund. Was sollen wir von einer ambitionierten Metamorphose auch anderes erwarten als das Streben in den nächsten Zustand.
Für die Beantwortung der zugrunde liegenden Fragestellungen und Intentionen der gezeigten Arbeiten danken wir der Kunsthistorikerin Maria Müller-Schareck für die nachfolgenden Textfragmente.

Mit besten Grüßen
Martin Bohn +Partner

Maria Müller-Schareck
Vereinte Individualisten

„Sie alle geben exemplarisch Antworten auf die Frage, wie sich heterogene oder gleichförmige Dinge zu Paaren, zu Einheiten verbinden lassen. Und diese Antworten sind vielfältig: Zwei in sich instabile Teile erlangen Stabilität, wenn sie sich, ineinander gesteckt, gegenseitig stützen ‒ Two in one. Oder: Ein Teil besetzt, einem Parasiten gleich, ein anderes. Oder: Modelle von Architekturen kollidieren mit abstrakten Formen. Manche verweisen auf bereits realisierte Skulpturen, andere sind Prototypen, wieder andere skizzieren Ideen, die ihrer Erprobung harren. Diese Ansammlung von Maquetten und Entwürfen gibt – einem Baukasten gleich ‒ den Blick frei auf die DNA der Arbeitsweise der beiden Künstler.“ /1 Auch das „Kunstmöbel“ Zo. h. M. reflektiert diese Thematik und stellt sich zugleich der Erprobung im Alltag.
„[…] auch in den gemalten oder gedruckten Bildern geht es darum, […] Elemente unterschiedlichster Art und Herkunft in Beziehung zu setzen, auch einander widerstrebende Verbindungen einzugehen, ohne die Autonomie der Teile aufzugeben. Dabei entstehen mitunter surreal anmutende Szenen, in denen erzählerische Momente aufblitzen, die sich jedoch nie zu einer konsistenten Geschichte verbinden lassen. Ausgangspunkt sind die umfassenden Bildarchive, in denen beide unabhängig voneinander visuelles Material sammeln: eigene Fotografien, die Erlebtes transportieren, Stills aus Filmen, Ausschnitte aus Medien oder Werken der Kunstgeschichte, Comics, Cartoons.
Sichten, trennen, ausschneiden, verarbeiten, copy paste, erneutes Sichten, diskutieren, abwägen, entscheiden, welche Motive dem Strom der Bilder entrissen werden, um als Fragmente und Bruchstücke ihren Platz in einer neuen Konstellation zu behaupten. In einem Interview haben Kocheisen und Hullmann 1999 offenbart, dass die Phase des Analysierens der interessanteste Teil ihres Werkprozesses ist: „Das Hinschauen ist […] die Nahrung, die wir weiterverarbeiten.“
Lange zielte die gemeinsame Arbeit auf die Produktion von Bildpaaren, sprich ein gewähltes Motiv, das jeweils von Ulrike Hullmann und Thomas Kocheisen gemalt wurde. In der jüngeren Produktion entwickeln sie Kompositionen, die mittig geteilt sind. Dass diese „Splittings“ gleichwohl als Einheit zu lesen sind, verdankt sich prägnanten, wiederkehrenden oder geteilten Motiven – Bäume, Seen, Himmel, Wolken, Architekturelemente, Möbel, Schilder etc. ‒ ebenso wie den abstrakten, scharf konturierten Formen. Mit ihren kontrastierenden, leuchtenden Farben fassen sie die gegenstandsbezeichnenden Formen ein, verbinden, überlagern, betonen sie. Das Prinzip Collage ist das Werkzeug, mit dem alle Elemente in einem Bildraum zu gemalten Realitäten verklammert werden, die Bezüge zur sichtbaren Welt haben, und doch von einem anderen Stern scheinen.
Kocheisen und Hullmann entwickeln diese Komposit-Bilder gemeinsam und arbeiten sie im Digitalen so weit aus, bis Konturen, Formen und Farben in einer Art Blaupause festgelegt sind. Erst dann nehmen sie jeweils eine der Hälften und ziehen sich ins Atelier zurück. Im Prozess des Malens, bei dem nun auch „körperliche Anteilnahme“ eine Rolle spielt, entsteht eine „variierte, eigenständige Form“ (K+H, 1999). Der sachliche und schlichte Malstil verbürgt Einheitlichkeit, ohne allerdings die individuellen Handschriften auszulöschen.
Jedes Bild ist das Ergebnis einer komplexen Kette von Assoziationen, die durch die Werktitel noch verlängert wird. Auf den ersten Blick kommen die jeweils drei Titel daher, als seien sie 1:1-Übersetzungen vom Deutschen ins Englische und Französische. Tatsächlich aber spielen sie mit leichten Sinnverschiebungen und -verdrehungen, sind eine Reflektion über die Macht der Worte, die Schwierigkeit, sie adäquat und sinngemäß in andere Sprachen zu übertragen; aber auch über die Lust mit ihnen zu spielen. Im Zusammenklang mit der visuellen Vielfalt, die sich ja ebenfalls einer Folge der Übertragungen verdankt, stimulieren sie den Rezeptionsprozess, in dem sich die Assoziationen der Betrachtenden mit denen der Produzierenden verweben.“ /2
„Eines der hier gezeigten „Splittings“ trägt die Bezeichnung Sonnenwende / High times in Death Valley / Bonne humeur dans la pelouse tondue. Der Titel lenkt den Blick auf Gartenfragmente, die eingepfercht zwischen den schillernden Häusern emporranken, auf die endlosen Bemühungen sich der Natur in dekorativer Weise zu bedienen, alles abzuschneiden, was den Blick stört und die Romantisierung mit angepflanzten Arrangements zu beschwören. Die Willkür findet ihre Entsprechung in den offensichtlich collagierten Anordnungen der Bildkomposition, wenn abstrakte Elemente auf harte Kanten abgeschnittener Bildfragmente treffen“. /3
 

"Sonnenwende / High times in Death Valley / Bonne humeur dans la pelouse tondue.“ (124 cm x 89 cm x 2)

Dazu notierte Maria Müller-Schareck weiter: „In solchen Konstellationen einander wesensfremder Dinge hallt leise die Bildwelt der Surrealisten nach, die aus solchen Begegnungen ihre Funken schlugen.
Kocheisen und Hullmanns Werkprinzip entfaltet sich auf dem Fundament der Kollektivität, die in fruchtbarer Weise Handlungs- wie Denkmodell ist (Rachel Mader, 2012). An einem Punkt ihrer künstlerischen Entwicklung – vor 38 Jahren ‒ haben sie sich zu „gemeinsam handelnden Singularitäten“ (Hardt/Negri 2000) erklärt, die unter einem „Label“ und mit einer gemeinsamen Verbindung nach außen agieren. Vereinte Individualisten, so einer ihrer Werktitel. […] Ihr Arbeitsprozess ist dialogisch angelegt und führt sie durch stetigen Wissens- und Gedankentransfer von einer ersten Idee über die Konzeptualisierung einer Arbeit bis zur Findung des endgültigen Bildes.
Wie auch die nur temporär kooperierenden Kollektive, Künstlerinnengruppen oder -paare erteilen sie individueller Autorschaft eine Absage. Sie tun dies zugunsten eines kontinuierlichen Dialogs, in dessen Verlauf die Bildpaare, die Doppelbilder und die skulpturalen Werke Schritt für Schritt Gestalt annehmen. Er endet auch dann nicht, wenn die gemalten Teile aus den beiden Ateliers einander begegnen. Hier setzt vielmehr die gemeinschaftliche Rezeption ein, die der späteren Auseinandersetzung durch Dritte vorausgeht. Zu den individuellen Gedankenräumen summiert sich der gemeinsame, die Summe von 1 und 1 ist hier nicht 2, sondern ohne jeden Zweifel 3. Und wenn Kocheisen und Hullmann in ihren skulpturalen Arbeiten über die Beziehung von Körpern im Sinne des Parasitismus nachdenken, dann lässt sich das wohl auch auf ihre Kooperation übertragen: In enger Abhängigkeit, der/die eine vom Gegenüber profitierend. Dass Parasiten ihren Wirt nur schädigen, ist von der Wissenschaft längst widerlegt. 4/
 


Skulpturenpaar „Related Balance“, Höhe ca. 75 cm, Linden- und Eichenholz, 2023

/1 Aus: „Vereinte Individualisten“ von Maria Müller-Schareck, Februar 2023
/2 ebda.
/3 Kocheisen + Hullmann, 2023
/4 Aus: „Vereinte Individualisten", ebda.

Abb. "Vereinte Individualisten", Kocheisen + Hullmann, Linoldruck, Edition von 50 ( 60 cm x 40 cm x 2)